04
Mai 2015
von RA Florian Hitzelberger

Die australische Domain-Verwaltung .au Domain Administration (auDA) denkt darüber nach, die Registrierung von .au-Domains direkt auf Ebene der Second Level Domain freizugeben.

Bisher gibt es eine Vielzahl offizieller Subdomains wie etwa .com.au, .id.au, .gov.au und .nsw.au, für die jeweils unterschiedliche Registrierungsvoraussetzungen gelten. Angetrieben von den positiven Entwicklungen beispielsweise bei .uk (Großbritannien) und .nz (Neuseeland) möchte Australien aber jetzt nachziehen und wendet sich daher mit einem Diskussionspapier an die Community, um Meinungen einzuholen. Derek Whitehead vom zuständigen Names Policy Panel betont jedoch, dass die Überlegungen noch in einem frühen Stadium stecken und noch kein Konsens erzielt worden sei. Man erhoffe sich durch die Liberalisierung einen positiven Effekt für die Akzeptanz von .au, fürchtet jedoch den Druck für Rechteinhaber, defensive Registrierungen vornehmen zu müssen. Die Frist zur Stellungnahme für die Öffentlichkeit endet am 1. Juni 2015; bis wann eine Entscheidung fällt, ist nicht abzusehen.

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04
Mai 2015
von RA Daniel Dingeldey

Der Schreibwarenhersteller Staedler (Staedler Mars GmbH & Co. KG) scheiterte in einem UDRP-Verfahren gegen die Inhaberin von fimo.club. Wie die Panelistin es ausdrückte: Staedler kam zu früh.

Die Beschwerdeführerin Staedler ist unter anderem bekannt für die Modelliermasse Fimo, deren Ursprünge bis in das Jahr 1939 zurückgeführt werden können. Für dieses Produkt hat sie zahlreiche Marken eingetragen, unter anderem eine deutsche Marke von 1973. Die Beschwerdeführerin sieht sich durch die Domain fimo.club, von der Beschwerdegegnerin registriert am 03. Juli 2014, in ihren Rechten verletzt. Die Domain verweist auf keine aktive Website. Die Beschwerdegegnerin, eine Ukrainerin, die ihren Wohnsitz nun in Deutschland hat, hält dem entgegen, dass sie früher bereits in der Ukraine unter der Domain fimo.kiev.ua FIMO-Produkte angeboten hat und dass sie unter fimo.club einen virtuellen Club für echte FIMO-Liebhaber betreiben will.

Das Einzelpanel unter der Panelistin Brigitte Joppich wies am 20. März 2015 den Antrag auf Domain-Transfer zurück, weil sie keine Bösgläubigkeit auf Seiten der Beschwerdegegnerin feststellen konnte (WIPO Case No. D2015-0050). Marke und Domain-Name sind zwar identisch, abgesehen von der Endung .club, und auch ein Recht oder legitimes Interesse seitens der Beschwerdegegnerin sei nicht ersichtlich, da nur die aktuelle Nutzung dafür berücksichtigt werden kann, nicht aber zukünftige Nutzungen. Schließlich fehlte es am Nachweis der Bösgläubigkeit. An diesem Punkt zeigte die Panelistin die Probleme von Markeninhabern auf. Bei der Frage der Bösgläubigkeit kommt es in der Regel vor allem auf die Stärke der Marke des Beschwerdeführers und die Unmöglichkeit der berechtigten Nutzung der streitigen Domain auf Seiten des Beschwerdegegners an. Aber in diesem Fall entschied die Panelistin überwiegend auf Grund der anderen Aspekte, die auf Bösgläubigkeit schließen lassen: Das passive Halten einer Domain per se spricht nicht für die Bösgläubig keit des Domain-Inhabers, auch wenn ihm die Marke offensichtlich bereits bekannt war. Hier sprach für die Beschwerdegegnerin, dass sie mit offenen Karten spielte. Sie hatte keine falschen Kontaktdaten angegeben und versuchte nicht, ihre Identität zu verbergen. Darüber hinaus reagierte sie auf das Verfahren und sprach offen von ihrem Wissen um FIMO sowie die Vertriebsseite, die sie unter der Domain fimo.kiev.ua geführt hatte. Das alleine reichte Brigitte Joppich aus für die Feststellung, dass die Beschwerdeführerin den Beleg für die Bösgläubigkeit nicht erbracht hat. Weiter sprang der Beschwerdeführerin zur Seite, was die Panelistin aber nicht ausgeführt hat, dass sie bisher noch in keinem UDRP-Verfahren Partei war. Zudem ging die Panelistin davon aus, dass die Domain fimo.club auch tatsächlich gutgläubig genutzt werden könne, wenn die Beschwerdegegnerin, wie angekündigt, die Domain für einen virtuellen FIMO-Liebhaberclub betreibt. So kommt sie zum Schluss, dass, solange die Beschwerdegegnerin die Domain nicht dazu nutzt, unlauteren Gewinn mit der Domain zu erzielen, die Beschwerdeführerin mit ihrer Beschwerde zu früh gekommen ist. Sollte sich aber zeigen, die Beschwerdegegnerin missbrauche die Domain, könne die Beschwerdeführerin jederzeit ein neues Beschwerdeverfahren anstrengen, das dann erfolgreich sein dürfte.

Die UDRP-Entscheidung hat Christopher Hofman Laursen näher besprochen und auch Rücksprache mit der Panelistin Brigitte Joppich genommen. Aus seiner Sicht macht die Entscheidung deutlich, welche Schwierigkeiten Markeninhaber mit den neuen Endungen haben. Insbesondere bei Community-Endungen wie .club, .social, .fans und anderen lässt sich eine berechtigte Nutzung von Markennamen kaum von der Hand weisen. Auf solche Endungen müssen Markeninhaber achtgeben. Das musste auch Porsche bereits im URS-Verfahren um die Domain porsche.social erfahren. Die Beschwerdeführerin hatte aber nicht darauf warten wollen, dass die Domain-Inhaberin die Domain missbraucht: seit dem 20. April 2015 gehört die Domain fimo.club der Staedler Mars GmbH & Co. KG.

Auf das Domain-Recht spezialisierte Anwälte findet man auf Domain-Anwalt.de, einem Projekt der united-domains AG.

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30
Apr 2015
von RA Florian Hitzelberger

Im Wettstreit um die neue Top Level Domain .music fahren die Bewerber die Ellbogen aus.

Auslöser der aktuellen Streitigkeiten ist, dass DotMusic Limited, einer von insgesamt acht Kandidaten für .music, seine Bewerbungsunterlagen um mehr als 300 Seiten an »Public Interest Commitments« (PIC) ergänzt hat. So heisst es, dass man sich selbst zum auch von ICANN propagierten »multistakeholder model« bekennt, die Markenpiraterie bekämpfen will und sich zu Innovationen gegenüber der eigenen Community verpflichtet. Für den Mitbewerber .Music LLC handelt es sich allerdings nur um einen plumpen Versuch, PICs zu missbrauchen; man hat daher ein »request for reconsideration« eingereicht. Wahrer Hintergrund des Streits dürfte sein, dass sowohl DotMusic Limited (angeführt von Constantine Roussos) als auch .Music LLC (unter Leitung von John Styll mit Far Further) die beiden einzigen »Community«-Bewerbungen eingereicht haben; hat einer damit Erfolg, würde man eine Auktion gegen die anderen Mitbewerber, darunter die Google-Tochter Charleston Road Registry Inc. und Amazon EU S.à r.l., vermeiden. Wie ICANN damit umgeht, bleibt abzuwarten; jedenfalls dürfte es noch eine Weile dauern, bis auch .music eine Registry gefunden hat.

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30
Apr 2015
von RA Florian Hitzelberger

Als Koordinator für die internationale Informationsgesellschaft und stellvertretender Leiter des internationalen Dienstes des schweizerischen BAKOM (Bundesamt für Kommunikation) ist Thomas Schneider seit 2008 Mitglied des ICANN-Regierungsbeirats Governmental Advisory Committee (GAC). Anlässlich des 51. ICANN-Meetings in Los Angeles wurde er am 14. Oktober 2014 zum Vorsitzenden dieses Gremiums gewählt. In unserem exklusiven Interview gibt er einen Einblick in seine Tätigkeit – und die Pläne des GAC in der Zukunft.

Herr Schneider, wie sieht ein Tag im Leben des GAC-Vorsitzenden aus?

Am Wahlabend im Oktober 2014 in Los Angeles ist meine Vorgängerin per sofort zurückgetreten. Gleichentags hatte ich die Ehre, die neue Funktion übernehmen zu dürfen. Seit ein paar Monaten erlebe ich folglich den intensiven Alltag im Leben des GAC-Vorsitzenden: Er ist geprägt von einer Schwemme an E-Mail-Nachrichten, Briefen, Berichten und weiteren Inhalten sowie Online- und Telefonkonferenzen mit anderen GAC-Mitgliedern und ICANN-Gremien. Sehr intensiv sind derzeit insbesondere die Sitzungen der Arbeitsgruppen zur Übertragung der Aufsicht über die IANA-Funktionen von der US-Regierung an die globale Gemeinschaft (“IANA Stewardship Transition”) und zur Weiterentwicklung der Rechenschaftsmechanismen der ICANN (“ICANN Accountability”). Diese Online-Konferenzen finden derzeit oft mehrmals täglich und rund um die Uhr statt, um die (Un-)zeiten für die Vertreter aus allen Ländern der Welt einigermassen gerecht zu verteilen. Ausserdem bin ich viel unterwegs, um an wichtigen Terminen nicht nur online, sondern auch physisch präsent zu sein.

An welchen Stellen möchten Sie während Ihrer vorerst auf zwei Jahre angelegten Amtszeit den Schwerpunkt setzen? Wo sehen Sie die Stärken des GAC, und wo sehen Sie Änderungs- oder Reformbedarf?

Das Streben nach Konsens ist grundsätzlich eine der Stärken des GAC. Um einen solchen Konsens zu erzielen, werden alle Themen soweit wie möglich ausdiskutiert und schlussendlich ein gemeinsames “Communiqué” – vergleichbar mit den Resolutionen der UNO – verfasst, hinter welchem alle stehen können. Dies erlaubt es allen Staaten, ob gross oder klein, ihre unterschiedlichen Ansichten in den Entscheidfindungsprozess einzubringen.

Damit der Konsens im GAC für die Staatengemeinschaft repräsentativ ist, müssen sich möglichst viele Regierungen aktiv und gleichberechtigt bei den Arbeiten und Debatten, wie aktuell etwa bei der Vergabe neuer Top-Level-Domains oder den gegenwärtigen Diskussionen zur “IANA Stewardship Transition”, beteiligen können.

Angesichts der zunehmenden Fülle und Intensität der Arbeiten und Themen stellen die erforderlichen Ressourcen für viele GAC-Mitglieder eine wachsende Herausforderung dar, den Prozessen zu folgen und sich aktiv einzubringen. Es ist mir daher ein Anliegen, innovative Lösungen zu finden, damit die Regierungen einerseits rascher und effizienter zusammen arbeiten können und andererseits die ICANN die Funktionsweise von Regierungen besser berücksichtigen und uns bei der Arbeit entsprechend unterstützen kann.

Derzeit werden in den genannten Arbeitsgruppen zu einer Neugestaltung der IANA-Aufsichts- und ICANN-Rechenschaftsmechanismen neue Prozesse diskutiert, die eine Weiterentwicklung der Rolle und Arbeitsweise der Regierungen im ICANN-Modell erforderlich machen könnten.

Zudem werde ich mich grundsätzlich um eine verbesserte und direktere Kommunikation unter den Regierungen, aber auch zwischen den Regierungen und den anderen Teilen der “ICANN-Community” bemühen. Denn oftmals wurde bisher die eigentliche Rolle der Regierungen als Garanten für die Einhaltung internationalen und nationalen Rechts, inklusive der Menschenrechte, nicht von allen privaten Akteuren verstanden und der GAC als “Bremser” oder gar als “Verhinderer” wahrgenommen.

Wie muss man sich den Prozess der Meinungsbildung innerhalb GAC vorstellen? Und wie funktioniert aus Sicht des GAC die bisherige Zusammenarbeit mit der Internet-Verwaltung ICANN?

Wie die UNO arbeitet der GAC auf Basis des Konsensprinzips: Zuerst müssen die Regierungsvertreter in ihren Nationen eine eigene Position konsolidieren; danach geht es darum, im GAC einen globalen Konsens unter den Regierungen zu finden. Dies kann – je nach Thema – sehr zeitintensiv, manchmal sogar unmöglich sein. Um diesbezüglich vorwärts zu kommen, trifft sich der GAC jeweils im Rahmen der ICANN-Meetings – dreimal pro Jahr. Zwischen diesen persönlichen Treffen arbeiten wir zunehmend auch elektronisch per E-Mail sowie per Online- und Telefonkonferenzen in Arbeitsgruppen zusammen – sowohl GAC-intern als auch mit anderen Teilen der ICANN-Community.

Der GAC nutzt die ICANN-Meetings, um dreimal pro Jahr ein gemeinsames Communiqué zu verfassen, in welchem er auf die besprochenen Themen eingeht und Empfehlungen an den ICANN-Vorstand formuliert. Weitere Empfehlungen können auch das ganze Jahr in Briefform an den ICANN-Vorstand gerichtet werden.

Diese GAC-Empfehlungen sind für ICANN jedoch nicht bindend. Sollte ICANN entgegen den Vorschlägen des Beirates handeln, muss dies begründet werden. Zudem muss ICANN dann zumindest versuchen, im Gespräch mit den Regierungen eine Lösung zu finden, die alle akzeptieren können. So besteht auch zwischen den persönlichen Treffen ein reger Austausch zwischen GAC und der ICANN-Führung.

Es gibt Bestrebungen, zum Beispiel im Bereich WHOIS die “Daumenschrauben anzuziehen”, meist auf Wunsch nationaler Strafverfolgungsbehörden. Registries und Registrare klagen, dass sie bei der praktischen Umsetzung dieser Forderungen aber oft im Stich gelassen werden, zum Beispiel beim Zugriff auf valide Adressdaten. Gibt es im GAC Ideen, wie diese Zusammenarbeit verbessert werden könnte?

Die Regierungsvertreter im GAC haben ein Interesse, dass die Strafverfolgungsbehörden ihre Arbeit auch im Internet machen können, und zwar möglichst effizient. Dies soll in Einklang mit geltendem Recht, insbesondere mit den entsprechenden Datenschutzbestimmungen erfolgen. Die Herausforderung besteht darin, dass es diesbezüglich national unterschiedliche Regelungen gibt. Sie sind zum Teil nicht mit dem amerikanischen Recht kompatibel, dem die ICANN untersteht. Dies macht den Umgang mit dem Thema Datenschutz sehr komplex und es ist nicht ganz trivial, Lösungen zu finden, die für alle Beteiligten einfach funktionieren.

Im GAC sind aktuell über 140 Staaten dieser Welt vertreten. Gibt es Pläne, weitere Mitglieder aufzunehmen?

Mitgliedschaft bedeutet nicht immer automatisch, dass auch eine aktive Teilnahme am GAC erfolgt. Obwohl die Mitgliederzahlen in den letzten Jahren um rund zehn Prozent pro Jahr gestiegen sind, ist nur ein begrenzter Teil der Mitglieder aktiv an den Arbeiten beteiligt. ICANN und GAC werden weiterhin Initiative zeigen müssen, um weitere Länder zur möglichst aktiven Teilnahme im GAC zu motivieren. Dafür werde ich mich engagieren.

Die Verwaltung des Internets mit ICANN an der Spitze befindet sich derzeit in einer spannenden Phase des Umbruchs – Sie haben das Stichwort “IANA Stewardship Transition” bereits erwähnt. ICANN-CEO Fadi Chehadé macht sich für “NETmundial”-Initiative stark. Wie sieht die Zukunft der Internet Governance nach den Vorstellungen des GAC aus, gibt es ein konkretes Modell? Und in welcher künftigen Rolle sieht sich hierbei das GAC?

Seit dem Beginn des “NETmundial”-Prozesses vor rund eineinhalb Jahren und der Ankündigung der US-Regierung, die alleinige Aufsicht über die IANA-Funktionen unter gewissen Bedingungen abzugeben (“IANA Stewardship Transition”), hat sich einiges in Bewegung gesetzt. Die Weiterentwicklung des – wie es von NETmundial genannt wird – “Internet-Governance-Ökosystems” wird derzeit nicht nur im GAC, sondern auch in verschiedenen anderen internationalen Foren, insbesondere in der UNO, diskutiert.

Betreffend der Zukunft dieses Ökosystems bestehen unter den Regierungen im GAC ähnliche Meinungsunterschiede wie in der UNO, der ITU oder anderswo. Einen Konsens bezüglich einer Richtung dieser Entwicklung wird sich wohl nur über kleine, pragmatische Schritte ergeben können. Von entscheidender Bedeutung für die anstehenden Debatten im Rahmen des “WSIS+10-Prozesses” in der UNO-Vollversammlung in New York im Dezember 2015 wird sein, ob man sich in den kommenden Monaten innerhalb der ICANN auf ein neues IANA-Aufsichtsmodell und auf ICANN-Rechenschaftsmechanismen wird einigen können, die auch die Unterstützung der Schwellen- und Entwicklungsländer geniessen werden.

Es wird oft der Vorwurf erhoben, ICANN werde stark von US-amerikanischen Interessen beeinflusst oder gar dominiert. Teilen Sie diese Einschätzung oder wird sie durch Ihre Erfahrungen in der Praxis widerlegt?

Hat man die Teilnehmenden der ICANN-Meetings, der verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen im Blick, so wird klar, dass nicht alle Regionen der Welt quantitativ gleich in den ICANN-Gremien vertreten sind. Dies hat einerseits historische Gründe – wesentliche Elemente des Internets und des ICANN-Modells wurden von US-Amerikanern entwickelt – und andererseits auch politische sowie oft schlicht ressourcenbedingte Ursachen. Dennoch dürfen wir feststellen, dass ICANN in den letzten Jahren einiges für eine breitere Abstützung auf globaler Ebene getan hat und dass diesbezüglich durchaus Fortschritte zu verzeichnen sind.

Im Jahr 2012 hat ICANN damit begonnen, eine Vielzahl neuer Top Level Domains einzuführen. Über 400 dieser neuen Domain-Endungen sind inzwischen delegiert. Wie beurteilen Sie den bisherigen Verlauf des nTLD-Programms?

Mit neuen gTLDs waren in den letzten Jahren grosse Hoffnungen auf innovative Anwendungen und neue Geschäftsmodelle verbunden – dies gleichzeitig in Verbindung mit Ängsten vor neuen Risiken für Konsumentinnen und Konsumenten oder für Inhaber von Marken- und anderen Rechten. Bis anhin scheinen sich die Extreme in beide Richtungen jedoch nicht zu bewahrheiten.

Da erst einige neue gTLDs in Betrieb sind und das auch erst seit relativ kurzer Zeit, ist es für eine eindeutige Analyse aber noch zu früh. Zudem haben die Regierungen noch offene Fragen, die geklärt werden sollten und Forderungen, die noch nicht vollständig umgesetzt sind. Beispielsweise, dass nur Firmen Domains wie “.gmbh” oder “.bank” verwenden dürfen, die die rechtlichen Voraussetzungen einer GmbH beziehungsweise einer Bank im entsprechenden Land auch wirklich erfüllen oder dass Namen und Abkürzungen des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes oder von internationalen Organisationen angemessen vor Missbrauch geschützt werden.

Welche Bewerbungen um neue Top Level Domains hält das GAC für besonders problematisch, und gegebenenfalls warum?

Herausfordernd sind aus Sicht des GAC insbesondere jene Bewerbungen, die das öffentliche Interesse – global oder auch von speziell betroffenen Bevölkerungsgruppen – negativ beeinflussen können. Hierbei geht es insbesondere um mögliche Risiken für Konsumentinnen und Konsumenten oder Auswirkungen auf bestehende Rechte sowie Sensibilitäten in der realen Welt. Dazu zählen Markennamen, geografische Herkunftsbezeichnungen, Begriffe aus dem Gesundheits- oder anderen sensiblen Bereichen, aber auch religiöse und kulturelle oder andere generische Begriffe, die zumindest nach einem europäischen Verständnis Allgemeingut sind und nicht von speziellen Interessen in Beschlag genommen werden sollten.

Eines der zentralen Anliegen des Applicant Guidebook von ICANN war es, die Inhaber von nationalstaatlich begründeten Rechten wie zum Beispiel Markenrechten zu schützen. Hierzu hat man das “Trademark Clearinghouse” neu geschaffen. Bisher liegt die Zahl der Einträge dort jedoch deutlich unter 35.000. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für die mangelnde Akzeptanz? Und wie könnte man Missbrauch wie im Fall von Marken wie “I?M?M?O?B?I?L?I?E?N” vorbeugen?

Die Benutzung des Trademark Clearinghouses scheint insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen sowie für Unternehmen aus Entwicklungsländern aufwändig und allenfalls zu teuer zu sein. Viele solcher Unternehmen brauchen nur einen lokalen beziehungsweise nationalen Schutz ihrer Marke, wofür sich ein Eintrag in Clearinghouse anscheinend nicht lohnt. Über weitere Gründe können wir derzeit nur spekulieren: Womöglich halten auch “grössere” Rechteinhaber das Trademark Clearinhouse für unwirksam oder sie vertrauen anderen Möglichkeiten, ihre Marken zu schützen. Hier wird man wohl auch noch detaillierter analysieren müssen, welche Mechanismen wie dazu beitragen, eine angemessene Balance zwischen einem Schutz der – national unterschiedlich institutionalisierten – Rechten von Markeninhabern und anderen Ansprüchen der Gesellschaft an die Nutzung von Begriffen im Domain-Namen-System zu finden.

Wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten: an welchen Stellen hätte das GAC das Applicant Guidebook geändert?

Ich habe mich seit meinem Eintritt in den GAC im Jahr 2008 dafür eingesetzt, dass unterschiedliche Regelwerke für verschiedene Kategorien von gTLDs erarbeitet werden. Dies, weil sowohl die Nutzer und Anwendungen als auch die potentiellen Risiken und Möglichkeiten von Domains wie zum Beispiel “.berlin” (geoTLD), “.doctor” (echte generische TLD) oder “.bmw” (Brand TLD) sehr unterschiedlich sind. Der GAC hatte diese Forderung dann auch an ICANN gerichtet. Die Bewerber für die neuen gTLDs waren jedoch der Meinung, dass dies den Vergabe-Prozess unnötig verlangsamen würde und haben sich erfolgreich gegen die Schaffung verschiedener Kategorien neuer TLDs eingesetzt. Ich bin allerdings überzeugt, dass wir damit viele Herausforderungen, an denen wir heute noch arbeiten, einfacher und am Ende auch rascher und günstiger hätten bewältigen können.

Zudem hätte der GAC wohl stärker darauf drängen sollen, dass vor der Lancierung der neuen gTLDs bessere Mechanismen zur Abwägung von privaten ökonomischen Interessen und Marken- und ähnlichen Rechten einerseits gegenüber einem öffentlichen Interesse an geografischen, kulturellen und anderen sensiblen Bezeichnungen andererseits geschaffen würden. Damit hätten langwierige Auseinandersetzungen um TLDs wie “.amazon”, “.patagonia”, “.spa” oder “.wine” vielleicht vermieden werden können.

ICANN hat angedeutet, möglicherweise bereits im Jahr 2016 mit der nächsten Einführungsrunde zu beginnen. Sieht das GAC die Zeit dafür bereits gekommen? Gibt es konkrete Änderungsvorschläge des GAC am Verfahren selbst und/oder am Applicant Guidebooks?

Der GAC begrüsst, dass Interessenten, die an der ersten gTLD-Liberalisierungsrunde nicht teilnehmen konnten, sich möglichst rasch an einer zweiten Runde beteiligen können. Dies gilt insbesondere für Bewerber aus Schwellen- und Entwicklungsländern, die in der ersten Runde nur wenig vertreten waren. Dennoch stehen nach wie vor offene Fragen der ersten Runde im Raum: Erst ein Teil der neuen gTLDs ist operationell und zuerst – so ist es auch vorgesehen – muss noch eine vertiefte Analyse über Erfolg und Probleme der ersten Runde durchgeführt werden. Viele Beobachter gehen deshalb davon aus, dass es noch eine Weile dauern wird, bis eine zweite Runde eingeleitet werden kann.

Herr Schneider, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch.

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29
Apr 2015
von RA Florian Hitzelberger

Das »Coordination Center for TLD RU«, Registry der russischen Länderendung .ru, hat den Bericht »Russian domain space 2014: overview and development prospects« veröffentlicht.

Auf 14 Seiten blickt das Coordination Center in englischer Sprache nicht nur auf .ru, sondern allgemein auf die Entwicklung der Domain Name Industry im letzten Jahr zurück. So schloss .ru das Jahresende 2014 mit 4.859.458 Registrierungen ab. Damit kommt .ru auf einen Marktanteil von 4,9 Prozent, womit man Platz 6 der ccTLD-Weltrangliste nach .tk, .de, .cn, .uk und .nl festigt. Nicht mitgezählt sind dabei die 835.181 Domains, die unterhalb der kyrillischen Variante von .ru angemeldet sind; sie ist damit die erfolgreichste internationalisierte Endung der Welt. Für Aufmerksamkeit dürfte zudem eine Weltkarte der nTLDs sorgen; sie zeigt an, wie viele Domains mit neuer Endung in einem Land registriert sind. Sie wird angeführt von den USA mit 1.076.749 Domains vor Deutschland mit 446.922 Domains; auf Platz 3 liegt Großbritannien mit 214.514 Adressen unter neuer Endung. Verzerrt wird das Bild allerdings durch .xyz, wo der US-Registrar Network Solutions mit Marketingmaßnahmen für US-Kunden die Registrierungen nach oben gedrückt hat.

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Stand: 01. Mai 2015
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